Selina Zürrer – 150

26. Februar 2026  18Uhr mit Briefkatzenbar

 

Die Szenerie, die Selina Zürrer für die Telefonkabine von ring ring inszeniert, erinnert im ersten Moment an eine Beerdigung. Ein Blumenstrauss in einer grau glasierten Vase, der auf einem Sockel erhöht steht, könnte von Hinterbliebenen als Andenken an eine verstorbene Person dort platziert worden sein. Ein hellgrünes Band ist zudem um das Gebinde geknotet und zu einer Schleife geformt worden. Es unterstützt die Vermutung, dass es sich um einen Blumenkranz für eine Totenfeier handelt. Wer könnte gestorben sein? Und warum steht das Blumenbouquet in dieser Telefonkabine? Beim Lesen des Spruchs auf dem Band Zum 150. Geburtstag liebes Telefon erfahren die Betrachter:innen, dass nicht der Tod, sondern das 150-jährige Bestehen des Telefons zelebriert wird. Am 14. Februar 1876 exakt patentierte Alexander Graham Bell das Telefon – ein konkreter Jubiläumsanlass, auf den auch die Künstlerin mit dem Titel 150 verweist. Diese Gegensätzlichkeit von Leben und Tod und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit sind im Werk angelegt. Allerdings bricht die Künstlerin mit dem Vanitasgedanken, indem sie keine echten Blumen verwendet. Die Plastikblumen welken nicht, sie bleiben farbig und in ihrer Künstlichkeit paradoxerweise lebendig, sogar im doppelten Sinn: Die meisten Blumen ersteigerte Selina Zürrer auf Online-Gebrauchtwarenplattformen und die Vase kaufte sie im Brockenhaus. In der Kunstinstallation erfahren die Objekte ein neues Dasein, ein zweites Leben, ähnlich wie die ring ring Telefonkabine. Auch die Kabine hat ihren ursprünglichen Zweck, Menschen die Möglichkeit in einem schützenden Raum zu telefonieren, längst verloren. Im Gegensatz zum Telefon das über 150 Jahre hinweg immer wieder neu erfunden wurde und heute relevanter denn je ist. Allerdings bietet die Telefonkabine seit 2023 auf dem Areal im Basislager Raum für Kunst. In der neusten Installation ist sie durch Selina Zürrer zur aktiven Beteiligten geworden, als Absenderin des Briefes – der neben den Blumen steht – und an das Geburtstagskind, das Telefon, adressiert, den 150. Geburtstag huldigt. Im Brief gibt die personifizierte ring ring Telefonkabine auch Einblick in die eigene Biografie und wie sie von ihrem Ursprungsort Kerns bis nach Zürich zum heutigen Standort gelangt ist. Von der historischen Infrastruktur transformiert Selina Zürrer sie zur sprechenden Instanz. In akribischer Recherchearbeit werden zudem geschichtliche Fakten mit Fiktion kombiniert und in eine künstlerische Erzählung überführt.  

Selina Zürrer, (*1992) lebt und arbeitet in Zürich. An der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte sie den Master in Fine Arts, den sie mit einer Arbeit über die frühen Kindheitsjahren im Zirkus abschliesst. In ihrem künstlerischen Schaffen beschäftigt sie sich aber nicht nur mit ihrer Geschichte, sondern vor allem auch mit Geschichte[n] anderer Personen und Objekten. Mit verschiedenen Medien, oftmals spielerisch, versucht sie einen Anstoss für neue Blickwinkel zu geben. 

Bild: Selina Zürrer, Text: Sibylle Meier






.