Adler&Muedespacher – Präsenz


4. Juni 2026 bis 16. Juli 2026

 

Das Basislager wurde 2009 in der Binz als mobile Ateliersiedlung mit rund 150 Containermodulen errichtet. In vier Etappen wurde das ganze Areal 2012 an den heutigen Standort in Altstetten übersiedelt. Das an den Rand Drängen, das eingeschriebene und schrittweise Verschwinden von nicht kommerziell genutzten Räumen, ist was die Künstlerinnen bei dieser Arbeit interessiert. Das fotografische Werk Präsenz ist in der Binz entstanden, wo sich auch ihre Ateliers befinden, es zeigt einen Ausschnitt aus ihrer Umgebung. Die Aufnahme verbindet die beiden Orte und könnte auch aus einem Containerfenster im Basislager gemacht worden sein. Eine Person in einem roten Pullover, mit dem Rücken zur Kamera, ist in einem Waldstück zu erkennen und scheint im Begriff zu sein, die Szenerie zu verlassen. Ein Blick zurück über die Schulter zeigt das Bewusstsein über die Präsenz der Betrachter:innen, durch das Gewahrsein dieser Präsenz entschwindet sie nicht, sondern bleibt gerade noch anwesend und hält inne. Ein Zwischenraum öffnet sich zwischen dem Hier und Jetzt, dem bereits Vergangenen und der Zukunft. Diesen Raum, vielleicht als Leerstelle auszumachen, füllen die Betrachter:innen, denn ohne sie, würde das Innehalten nicht wahrgenommen werden. Das Verschwinden wird so kurzzeitig ausgehebelt, damit an dessen Stelle die Präsenz auftaucht
und einer Zeitkapsel gleich, den flüchtigen Moment konserviert, bevor er als Erinnerung entweicht.

Tonjaschja Adler (*1968) lebt und arbeitet seit 2001 in Zürich wo sie 2011 Regula Müedespacher (*1969) kennenlernt. Die Künstlerinnen verbindet nicht nur das gemeinsame Schaffen, sondern auch eine langjährige Freundschaft. In ihrer Zusammenarbeit beschäftigen sie sich mit dem explorativen Erkunden von Zwischenräumen, sowohl inhaltlich als auch formal. Wie zum Beispiel in ihrer Arbeit à fonds perdu, die sie 2020 in vier Vitrinen im öffentlichen Raum

Bild: Adler&Muedespacher
Text: Sibylle Meier






.

Bettina Diel – LIMBTALK



10. April 2026 bis 25. Mai 2026

 



Ein dunkelgrauer Körper, der aus Zement und Zeitungspapier besteht und an ein kopfstehendes Y erinnert, ist an einem Fleischerhaken aufgehängt. Einige Gewindestangen sind von Bettina Diel befestigt worden. Sie durchbohren den Körper und dringen durch die Folie, die das Ganze umhüllt. Muttern an der Oberfläche halten den Körper zusätzlich zusammen. Es wird deutlich, dass das Kunstobjekt verletzbar und zugleich geschützt ist. Attribute, die eigentlich vorwiegend auf den Menschen zutreffen und weniger auf ein geschaffenes Werk. Künstlichkeit versus Menschlichkeit. Bettina Diel hinterfragt immer wieder vorgegebene Wertesysteme und schafft neue Denkräume. Die Szenerie weckt ebenso Assoziationen an totes Fleisch, zumal der Titel Limbtalk explizit Bezug auf Glied(massen) zu nehmen scheint. Es erinnert auch an die Stillleben aus dem 17. Jahrhundert, insbesondere an das Meisterwerk von Rembrandt van Rijn Der geschlachtete Ochse, das auf die Vergänglichkeit des Menschen aufmerksam macht. Thematisiert die Künstlerin tatsächlich das memento mori, die Sterblichkeit? Oder geht es nicht viel mehr um den Akt der Transformation? Die Folie weisst Farb- und Brennspuren auf, die erahnen lassen, dass die Installation als Zeuge für ein vergangenes Ereignis steht, das von Bettina Diel an der Vernissage aktiviert worden ist. Sie entfachte die Zündschnur an der Aussenseite der Folie. Durch dies Aktivierung löst sie eine Kettenreaktion aus: Die Zündschnur funkt und sucht als Reiz von Aussen den Weg ins Innere an deren Ende sind Rauchbomben mit Pigmenten verknotet. Stösst die Zündschnur auf deren Widerstand, explodieren sie und die frei schwebenden Farbpigmente verteilen sich auf den Oberflächen. Eine Raumforderung1 ist ausgelöst worden. Zurückbleibt ein verändertes Objekt, das sich verformt und ausgedehnt hat und in einen neuen Zustand überführt worden ist.

Ein QR-Code an der Telefonkabine ring ring ermöglicht den Zugang zur Videodokumentation der Aktivierung.

Bettina Diel (*1975) ist in Deutschland aufgewachsen. Schon mit 15 Jahren vertiefte sie sich in die Welt der Fotografie und experimentierte auch in der Dunkelkammer. Den Entwicklungsprozess vom latenten Bild zum sichtbaren Bild begeistert sie bis heute. Seit 2008 lebt und arbeitet Bettina Diel in der Schweiz. An der HKB in Bern machte sie in dieser Zeit den Bachelor und an der ZhdK in Zürich absolvierte sie den Master of Fine Arts. In ihrem künstlerischen Schaffen findet sie Bilder von äusseren Aggregatszuständen auf innere Befindlichkeiten, die Transformationen bewirken und die sie in Form von Objekten, Installationen und Aktionen in den Kunstkontext übersetzt.


Unter Raumforderung versteht man im medizinischen Sinne eine Veränderung die grösser wird und deshalb mehr Platz braucht, www.onkologie-partner.de/gesundheit/glossar.

Bilder: Christian Beutler Text: Sibylle Meier







.

Selina Zürrer – 150

26. Februar 2026 bis 29. März 2026

 

Die Szenerie, die Selina Zürrer für die Telefonkabine von ring ring inszeniert, erinnert im ersten Moment an eine Beerdigung. Ein Blumenstrauss in einer grau glasierten Vase, der auf einem Sockel erhöht steht, könnte von Hinterbliebenen als Andenken an eine verstorbene Person dort platziert worden sein. Ein hellgrünes Band ist zudem um das Gebinde geknotet und zu einer Schleife geformt worden. Es unterstützt die Vermutung, dass es sich um einen Blumenkranz für eine Totenfeier handelt. Wer könnte gestorben sein? Und warum steht das Blumenbouquet in dieser Telefonkabine? Beim Lesen des Spruchs auf dem Band Zum 150. Geburtstag liebes Telefon erfahren die Betrachter:innen, dass nicht der Tod, sondern das 150-jährige Bestehen des Telefons zelebriert wird. Am 14. Februar 1876 exakt patentierte Alexander Graham Bell das Telefon – ein konkreter Jubiläumsanlass, auf den auch die Künstlerin mit dem Titel 150 verweist. Diese Gegensätzlichkeit von Leben und Tod und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit sind im Werk angelegt. Allerdings bricht die Künstlerin mit dem Vanitasgedanken, indem sie keine echten Blumen verwendet. Die Plastikblumen welken nicht, sie bleiben farbig und in ihrer Künstlichkeit paradoxerweise lebendig, sogar im doppelten Sinn: Die meisten Blumen ersteigerte Selina Zürrer auf Online-Gebrauchtwarenplattformen und die Vase kaufte sie im Brockenhaus. In der Kunstinstallation erfahren die Objekte ein neues Dasein, ein zweites Leben, ähnlich wie die ring ring Telefonkabine. Auch die Kabine hat ihren ursprünglichen Zweck, Menschen die Möglichkeit in einem schützenden Raum zu telefonieren, längst verloren. Im Gegensatz zum Telefon das über 150 Jahre hinweg immer wieder neu erfunden wurde und heute relevanter denn je ist. Allerdings bietet die Telefonkabine seit 2023 auf dem Areal im Basislager Raum für Kunst. In der neusten Installation ist sie durch Selina Zürrer zur aktiven Beteiligten geworden, als Absenderin des Briefes – der neben den Blumen steht – und an das Geburtstagskind, das Telefon, adressiert, den 150. Geburtstag huldigt. Im Brief gibt die personifizierte ring ring Telefonkabine auch Einblick in die eigene Biografie und wie sie von ihrem Ursprungsort Kerns bis nach Zürich zum heutigen Standort gelangt ist. Von der historischen Infrastruktur transformiert Selina Zürrer sie zur sprechenden Instanz. In akribischer Recherchearbeit werden zudem geschichtliche Fakten mit Fiktion kombiniert und in eine künstlerische Erzählung überführt.  

Selina Zürrer, (*1992) lebt und arbeitet in Zürich. An der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte sie den Master in Fine Arts, den sie mit einer Arbeit über die frühen Kindheitsjahren im Zirkus abschliesst. In ihrem künstlerischen Schaffen beschäftigt sie sich aber nicht nur mit ihrer Geschichte, sondern vor allem auch mit Geschichte[n] anderer Personen und Objekten. Mit verschiedenen Medien, oftmals spielerisch, versucht sie einen Anstoss für neue Blickwinkel zu geben. 

Bilder: Christian Beutler Text: Sibylle Meier






.

martian m. mächler – a hug

5. Dezember 2025 bis 31. Januar 2026

 

Auf den Glasflächen der Telefonkabine von ring ring ist das Gedicht a hug1 von martian m. mächler zu lesen. Jeder Buchstabe wurde dafür mit transparenter Fensterfarbe - einer Füllfarbe - geschrieben und einzeln aufgeklebt. Für martian sind dabei die unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit dem Text wichtig: Das Anpassen des Textes auf einen Ort, dessen Gegebenheiten und Oberflächen, das wässrige Schreiben der Buchstaben, das Warten während des Trocknungsprozesses, das Anbringen der einzelnen Buchstaben und wie sie eine Art Bühne betreten. Es ist martian zudem wichtig, dass das Gedicht nicht nur auf einer Glasfläche präsentiert wird, sondern über alle Oberflächen verläuft und so den Betrachter:innen deren Lesebewegung choreografiert und die Bewegungen Teil der Arbeit werden. Beim Lesen sind sie auch mit Spiegelungen und mit dem Innenraum konfrontiert.

Inhaltlich geht es im Gedicht um eine Zeitreise in die Vergangenheit, die eine Erinnerung an eine Küche, einen sicheren Ort, hervorruft. Sie ist warm und dieses Gefühl fühlt sich deshalb wie eine Umarmung an. Es ist ein Ort, wo verschiedene Stimmen akzeptiert sind und nicht Einsamkeit, sondern Verbundenheit überwiegt.

Im Innern der Kabine hängt ein Telefonhörer aus Stoff. Er besteht aus einer alten beigen Daunenjacke und einem dünn gewordenen dunklen Wollpullover. Die Kabine ist geöffnet und lädt dazu ein, sie zu betreten und herauszufinden, ob jemand am anderen Ende der Leitung spricht. Oder verhält es sich eher wie mit der letzten Zeile des Gedichts a hug und «[we kept reading, but] nobody called»?


martian m. mächler (*1991) lebt in Zürich und absolvierte den Bachelor of Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und den Masterstudiengang Literarisches Schreiben (MFA CAP) an der Hochschule der Künste in Bern (HKB). 2023 wurde das Buch i left my body behind zum Anlass der Ausstellung Solo Martian M. Mächler mit Esther Vorwerk & André Veigas P., veröffentlicht. In diesem narrativen Gedichtsband geht es unter anderem um die Beherbergung von Vielstimmigkeit im selben Körper. Die Beschäftigung mit Identität, gesellschaftlichen Normen und Sprachen sind in den Projekten von martian evident. Die künstlerische Umsetzung erfolgt meist in Text, Performance und/oder Soundinstallationen. Auch das Kollektiv weather forcast, von martian m. mächler und Esther Vorwerk, schreibt, performt und bietet Workshops an. weather forecast arbeiten mittels gemeinsamen Schreibmethoden an Räumen, in welcher Trauer geteilt und nicht isoliert oder singulär verhandelt werden muss.

1 Aus dem Buch i left my body behind von martian. m. mächler, Wasteland, Zürich 2023.

Bilder: Christian Beutler Text: Sibylle Meier






.

Karin Würmli – fragile-singularitäten-hot-spot

10. Oktober 2025 bis 23. November 2025






Weisse Kreidezeichnungen auf der Scheibe der Telefonkabine von ring ring verwehre den Betrachter:innen zum Teil den Blick ins Innere. Das Objekt wirkt verlassen, nicht mehr in Gebrauch. Telefonkabinen boten einen sicheren Ort um beispielsweise nach
Hause zu telefonieren oder auch, falls nötig, um Hilfe anzufordern. Heute übernehme diese Funktionen die Handys, die Kabinen sind deshalb obsolet geworden und verschwinden. Die Künstlerin Karin Würmli ist für dieses Werk von den leeren Schaufenstern, die sie auf ihren Reisen nach Süditalien immer wieder antrifft, inspiriert worden. Beim näheren Betrachten sieht man in der Kabine eine Keramikskulptur, die etwas erhöht auf einem Sockel steht. Zwei Arme – deren Bestandteile in „Orecchiette“ - Technik geformt wurden – ragen in die Höhe. Zeigefinger und Daumen bilden einen Kreis und implizieren, dass „alles gut ist“. Vulkane, Fruchtbarkeits- und Unendlichkeitszeichen aus Ton sind um die Skulptur plaziert. Es scheint, als ob es sich dabei um ein Orakel handelt, das auf einem Altar gehuldigt wird. Allerdings bleibt unklar, was denn „alles gut ist“, zumal an unterschiedlichen Stellen Risse feststellbar sind. Und inwiefern es sich dabei um einen wichtigen Ort, eben um einen hot – spot, handelt oder ob Karin Würmli mit dem Wortspiel eher auf die heissen Flecken/Vulkane verweist. Und ob sie im Titel fragile – singularitäten – hot – spot auf das Verschwinden der Telefonkabinen Bezug nimmt, auf das nicht mehr telefonieren können oder ob die Künstlerin auf den Begriff des schwarzen Lochs und den Zustand an dem bestimmte Eigenschaften unendlich werden, verweist. Die Skulptur bleibt hinter Glas geheimnisvoll und nicht greifbar.

Karin Würmli (*1977) ist in Florenz, Neapel und Wil aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Zürich.
2001 schloss Karin Würmli ihren Bachelor in Fine Arts an der F + F in Zürich ab. Es folgten Weiterbildungen in Archäologie, Restauration und Malerei und 2016 vervollständigte sie ihre Kunstausbildung mit einem Master of Fine Arts in Basel.
Während ihren Ausbildungsjahren arbeitete Karin Würmli als Möbelrestauratorin, im archäologischen Dienst und viele Jahre auch in der Galerie Mai 36. Diese Tätigkeite und ihre Kleinkinderjahre in Italien prägen die Künstlerin bis heute. Ihre Herangehensweise unterscheidet sich dabei je nachdem mit welcher Technik sie arbeitet. Zum Beispiel malt Karin Würmli Bilder ohne vorher ein Thema bestimmt zu haben – sie gibt die Kontrolle ab und lässt das Werk entstehen, im besten Fall erreicht sie dabei einen tranceähnlichen Zustand. Anders beim Zeichnen, wo sie versucht in den Fokus zu kommen. Inhaltlich beschäftigt sich Karin Würmli mit Ritualen, Wiederholungen und Fiktion.

Bilder: Christian Beutler, Text: Sibylle Meier