Selina Zürrer – 150

26. Februar 2026 bis 29. März 2026

 

Die Szenerie, die Selina Zürrer für die Telefonkabine von ring ring inszeniert, erinnert im ersten Moment an eine Beerdigung. Ein Blumenstrauss in einer grau glasierten Vase, der auf einem Sockel erhöht steht, könnte von Hinterbliebenen als Andenken an eine verstorbene Person dort platziert worden sein. Ein hellgrünes Band ist zudem um das Gebinde geknotet und zu einer Schleife geformt worden. Es unterstützt die Vermutung, dass es sich um einen Blumenkranz für eine Totenfeier handelt. Wer könnte gestorben sein? Und warum steht das Blumenbouquet in dieser Telefonkabine? Beim Lesen des Spruchs auf dem Band Zum 150. Geburtstag liebes Telefon erfahren die Betrachter:innen, dass nicht der Tod, sondern das 150-jährige Bestehen des Telefons zelebriert wird. Am 14. Februar 1876 exakt patentierte Alexander Graham Bell das Telefon – ein konkreter Jubiläumsanlass, auf den auch die Künstlerin mit dem Titel 150 verweist. Diese Gegensätzlichkeit von Leben und Tod und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit sind im Werk angelegt. Allerdings bricht die Künstlerin mit dem Vanitasgedanken, indem sie keine echten Blumen verwendet. Die Plastikblumen welken nicht, sie bleiben farbig und in ihrer Künstlichkeit paradoxerweise lebendig, sogar im doppelten Sinn: Die meisten Blumen ersteigerte Selina Zürrer auf Online-Gebrauchtwarenplattformen und die Vase kaufte sie im Brockenhaus. In der Kunstinstallation erfahren die Objekte ein neues Dasein, ein zweites Leben, ähnlich wie die ring ring Telefonkabine. Auch die Kabine hat ihren ursprünglichen Zweck, Menschen die Möglichkeit in einem schützenden Raum zu telefonieren, längst verloren. Im Gegensatz zum Telefon das über 150 Jahre hinweg immer wieder neu erfunden wurde und heute relevanter denn je ist. Allerdings bietet die Telefonkabine seit 2023 auf dem Areal im Basislager Raum für Kunst. In der neusten Installation ist sie durch Selina Zürrer zur aktiven Beteiligten geworden, als Absenderin des Briefes – der neben den Blumen steht – und an das Geburtstagskind, das Telefon, adressiert, den 150. Geburtstag huldigt. Im Brief gibt die personifizierte ring ring Telefonkabine auch Einblick in die eigene Biografie und wie sie von ihrem Ursprungsort Kerns bis nach Zürich zum heutigen Standort gelangt ist. Von der historischen Infrastruktur transformiert Selina Zürrer sie zur sprechenden Instanz. In akribischer Recherchearbeit werden zudem geschichtliche Fakten mit Fiktion kombiniert und in eine künstlerische Erzählung überführt.  

Selina Zürrer, (*1992) lebt und arbeitet in Zürich. An der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte sie den Master in Fine Arts, den sie mit einer Arbeit über die frühen Kindheitsjahren im Zirkus abschliesst. In ihrem künstlerischen Schaffen beschäftigt sie sich aber nicht nur mit ihrer Geschichte, sondern vor allem auch mit Geschichte[n] anderer Personen und Objekten. Mit verschiedenen Medien, oftmals spielerisch, versucht sie einen Anstoss für neue Blickwinkel zu geben. 

Bilder: Christian Beutler Text: Sibylle Meier






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martian m. mächler – a hug

5. Dezember 2025 bis 31. Januar 2026

 

Auf den Glasflächen der Telefonkabine von ring ring ist das Gedicht a hug1 von martian m. mächler zu lesen. Jeder Buchstabe wurde dafür mit transparenter Fensterfarbe - einer Füllfarbe - geschrieben und einzeln aufgeklebt. Für martian sind dabei die unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit dem Text wichtig: Das Anpassen des Textes auf einen Ort, dessen Gegebenheiten und Oberflächen, das wässrige Schreiben der Buchstaben, das Warten während des Trocknungsprozesses, das Anbringen der einzelnen Buchstaben und wie sie eine Art Bühne betreten. Es ist martian zudem wichtig, dass das Gedicht nicht nur auf einer Glasfläche präsentiert wird, sondern über alle Oberflächen verläuft und so den Betrachter:innen deren Lesebewegung choreografiert und die Bewegungen Teil der Arbeit werden. Beim Lesen sind sie auch mit Spiegelungen und mit dem Innenraum konfrontiert.

Inhaltlich geht es im Gedicht um eine Zeitreise in die Vergangenheit, die eine Erinnerung an eine Küche, einen sicheren Ort, hervorruft. Sie ist warm und dieses Gefühl fühlt sich deshalb wie eine Umarmung an. Es ist ein Ort, wo verschiedene Stimmen akzeptiert sind und nicht Einsamkeit, sondern Verbundenheit überwiegt.

Im Innern der Kabine hängt ein Telefonhörer aus Stoff. Er besteht aus einer alten beigen Daunenjacke und einem dünn gewordenen dunklen Wollpullover. Die Kabine ist geöffnet und lädt dazu ein, sie zu betreten und herauszufinden, ob jemand am anderen Ende der Leitung spricht. Oder verhält es sich eher wie mit der letzten Zeile des Gedichts a hug und «[we kept reading, but] nobody called»?


martian m. mächler (*1991) lebt in Zürich und absolvierte den Bachelor of Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und den Masterstudiengang Literarisches Schreiben (MFA CAP) an der Hochschule der Künste in Bern (HKB). 2023 wurde das Buch i left my body behind zum Anlass der Ausstellung Solo Martian M. Mächler mit Esther Vorwerk & André Veigas P., veröffentlicht. In diesem narrativen Gedichtsband geht es unter anderem um die Beherbergung von Vielstimmigkeit im selben Körper. Die Beschäftigung mit Identität, gesellschaftlichen Normen und Sprachen sind in den Projekten von martian evident. Die künstlerische Umsetzung erfolgt meist in Text, Performance und/oder Soundinstallationen. Auch das Kollektiv weather forcast, von martian m. mächler und Esther Vorwerk, schreibt, performt und bietet Workshops an. weather forecast arbeiten mittels gemeinsamen Schreibmethoden an Räumen, in welcher Trauer geteilt und nicht isoliert oder singulär verhandelt werden muss.

1 Aus dem Buch i left my body behind von martian. m. mächler, Wasteland, Zürich 2023.

Bilder: Christian Beutler Text: Sibylle Meier






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Karin Würmli – fragile-singularitäten-hot-spot

10. Oktober 2025 bis 23. November 2025






Weisse Kreidezeichnungen auf der Scheibe der Telefonkabine von ring ring verwehre den Betrachter:innen zum Teil den Blick ins Innere. Das Objekt wirkt verlassen, nicht mehr in Gebrauch. Telefonkabinen boten einen sicheren Ort um beispielsweise nach
Hause zu telefonieren oder auch, falls nötig, um Hilfe anzufordern. Heute übernehme diese Funktionen die Handys, die Kabinen sind deshalb obsolet geworden und verschwinden. Die Künstlerin Karin Würmli ist für dieses Werk von den leeren Schaufenstern, die sie auf ihren Reisen nach Süditalien immer wieder antrifft, inspiriert worden. Beim näheren Betrachten sieht man in der Kabine eine Keramikskulptur, die etwas erhöht auf einem Sockel steht. Zwei Arme – deren Bestandteile in „Orecchiette“ - Technik geformt wurden – ragen in die Höhe. Zeigefinger und Daumen bilden einen Kreis und implizieren, dass „alles gut ist“. Vulkane, Fruchtbarkeits- und Unendlichkeitszeichen aus Ton sind um die Skulptur plaziert. Es scheint, als ob es sich dabei um ein Orakel handelt, das auf einem Altar gehuldigt wird. Allerdings bleibt unklar, was denn „alles gut ist“, zumal an unterschiedlichen Stellen Risse feststellbar sind. Und inwiefern es sich dabei um einen wichtigen Ort, eben um einen hot – spot, handelt oder ob Karin Würmli mit dem Wortspiel eher auf die heissen Flecken/Vulkane verweist. Und ob sie im Titel fragile – singularitäten – hot – spot auf das Verschwinden der Telefonkabinen Bezug nimmt, auf das nicht mehr telefonieren können oder ob die Künstlerin auf den Begriff des schwarzen Lochs und den Zustand an dem bestimmte Eigenschaften unendlich werden, verweist. Die Skulptur bleibt hinter Glas geheimnisvoll und nicht greifbar.

Karin Würmli (*1977) ist in Florenz, Neapel und Wil aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Zürich.
2001 schloss Karin Würmli ihren Bachelor in Fine Arts an der F + F in Zürich ab. Es folgten Weiterbildungen in Archäologie, Restauration und Malerei und 2016 vervollständigte sie ihre Kunstausbildung mit einem Master of Fine Arts in Basel.
Während ihren Ausbildungsjahren arbeitete Karin Würmli als Möbelrestauratorin, im archäologischen Dienst und viele Jahre auch in der Galerie Mai 36. Diese Tätigkeite und ihre Kleinkinderjahre in Italien prägen die Künstlerin bis heute. Ihre Herangehensweise unterscheidet sich dabei je nachdem mit welcher Technik sie arbeitet. Zum Beispiel malt Karin Würmli Bilder ohne vorher ein Thema bestimmt zu haben – sie gibt die Kontrolle ab und lässt das Werk entstehen, im besten Fall erreicht sie dabei einen tranceähnlichen Zustand. Anders beim Zeichnen, wo sie versucht in den Fokus zu kommen. Inhaltlich beschäftigt sich Karin Würmli mit Ritualen, Wiederholungen und Fiktion.

Bilder: Christian Beutler, Text: Sibylle Meier

Mia Diener – call the tree

28. August 2025 bis 28. September 2025



Mehrere Äste und Wurzeln hat Mia Diener in der Telefonkabine ring ring arrangiert. Es handelt sich um Fundstücke aus der Umgebung von Winterthur – Gehölz, da offenbar bereits lange entwurzelt und am Boden gelegen hat. Dadurch wirkt es deplatziert, seiner Funktion beraubt, von der Natur entkoppelt und ohne unmittelbare Verbindung zu seinem Ursprung. In den Gabelungen der Äste sind einzelne farbig Telefonhörer installiert, auch sie sind von ihrer Funktion enthoben, keine Kommunikatio findet mehr statt. Kein Telefonklingeln ist zu hören, stattdessen erfülle andere Klänge den Raum - von Musik über Naturgeräusche bis hin zu elektronische Tönen. Der Soundteppich ist mal schnell, mal schrill, mal laut – manchmal auch leis und ruhig. Es scheint, als ob die Musik das Totholz ruft, der Titel des Werkes call the tree unterstreicht diese Intention. Mia Diener macht auf die Vielfalt an Insekten, Pilzen Moosen und Vögeln, die dank dem abgestorbenen Holz einen wichtigen Lebensrau erhalten, aufmerksam. Und das Totholz in der Telefonkabine ist zwar trotz Musik am falschen Ort, aber regt zu Diskussion an – und eine neue Kommunikation entsteht.

Mia Diener, (*1982) lebt und arbeitet in Winterthur. Ihre künstlerische Ausbildung
absolvierte sie an der Kunstschule F+F in Zürich. Sie beinhaltete auch ein Austauschsemester in Boston und 2009 erhielt sie ein Atelierstipendium in Kairo. In ihrem Schaffen beschäftigt sie sich mit den Themen Zeit und Natur und damit welchen Umgang wir mit ihr pflegen. Dabei spielt auch Erinnerung eine zentrale Roll und die damit verbundene Vergänglichkeit. Zeit, die zerrinnt. Die Künstlerin arbeite bevorzugt mit ihren Händen und schafft mit analogen Drucktechniken, Collagen Mapping und Malerei. Ihre bevorzugte Arbeitsweise ist die ortsspezifische Installation die sie erzählerisch und poetisch umsetzt. Eine wichtige Inspirationsquelle ist für Mia Diener der Wald und ihre Träume.
Bilder: Christian Beutler, Text: Sibylle Meier

Andrea Cindy Raemy – Inorganic sympathy, inorganic symphony

5. Juni 2025 bis 10. August 2025



In der Anfangsphase macht Andrea Cindy Raemy vor Ort Notizen, misst die Telefonkabine und transkribiert das Beobachtete. Durch den Einsatz von Material und Körper findet sie im prozessartigen Arbeiten im Atelier die finale Form. Für ring ring entsteht eine Installation aus Draht, Holz und Textil, die auf dem Dach positioniert ist, einem Anbau ähnlich. Diese architektonische Skulptur nimmt Bezug auf Veränderung und Bedürfnisse der Umgebung. Im Werktitel Inorganic sympathy, inorganic symphony wiederholt Andrea Cindy Raemy einerseits Wörter und anderseits sind sie nicht vollumfänglich identisch, haben sich verändert und bilden dennoch zusammen den Rhythmus der Sinfonie, deren Resonanzkörper die Telefonkabine in Kombination mit dem Anbau und dem Ort zu sein scheint. Der Draht aus Stahl ist gebogen und zusammen geschweisst, das Ahornholz – aus demselben Holz wie der Baum neben der Kabine – mit Schnitzwerkzeug bearbeitet. Ein fratzenhaft-anmutendes Gesicht, das den Betrachter*innen die Zunge herausstreckt, wurde von der Künstlerin als Relief geschnitzt. Referenz ist die Groteske, ein Bauelement mit mythischem Charakter, das an Fassaden angebracht wird, um das Böse fernzuhalten. Es bleibt allerdings offen, ob die Beziehung zwischen der Kabine und dem Ahornbaum angespannt ist oder ob sie sich miteinander verbunden haben und als Kompliz*innen agieren. Der Stahldraht ist pulverbeschichtet worden und schimmert nun in einem Hellgrau. Mit dieser Anpassung erhält das Material, der Stahl, eine Aufwertung, die sich auch im ornamentalen der Skulptur widerspiegelt. Das Ausgangsmaterial, das vorwiegend in der Industrie Verwendung findet, ist zu Kunst erklärt. Durch das Zusammenspiel von Material und Mensch hinterfragt Andrea Cindy Raemy Klassifizierungen wie hohe und niedrige Kunst oder auch Handwerk und Kunstwerk. Sie versucht binäre Vorstellungen von Produktionsformen und vom Wert der Materialen aufzubrechen.

Andrea Cindy Raemy, (*1980) lebt und arbeitet in Biel/Bienne und absolvierte ihre künstlerische Ausbildung an der ZHdK in Zürich und an der HKB in Bern, dort schloss sie 2024 ihr Studium mit einem Master in Fine Art ab. Andrea Cindy Raemy
arbeitet mit unterschiedlichen Materialen wie Textil, Holz, Metall oder Plastik und schafft Installationen und Skulpturen, die vom Handwerk inspiriert sind und von ihr in den Kunstkontext transformiert werden. Wichtig ist für sie die Prozessarbeit in
Verbindung mit dem jeweiligen Material. Mit dem Einsatz des eigenen Körpers und durch freies Assoziieren entsteht ein neuer Materialismus 2 der dazu beiträgt, dass die Materie in ein Kunstwerk überführt wird.

Der Titel der Arbeit ist vom Vortrag "Powers of the Hoard: Artistry and Agency in a World of Vibrant
Matter“ der Theoretikerin Jane Bennet, inspiriert. Andrea Cindy Raemy nimmt Bezug auf folgendenSatz: „It’s made of stuff, I’m made of stuff, there’s an inorganic sympathy, a connection between an object and I.“


2 Die Künstlerin setzt sich mit dem Werk der amerikanischen Physiker*in und Philosoph*in Karen
Barad auseinander, die den neuen Materialismus prägte, https://politicalecology.blogs.unihamburg. de/der-neue-materialismus/.

Bilder: Christian Beutler, Text: Sibylle Meier

Das Projekt wird unterstützt durch die Stadt Biel/Bienne und SWISSLOS - Kultur Kanton Bern