Bettina Diel – LIMBTALK
10. April 2026 bis 25. Mai 2026
Ein dunkelgrauer Körper, der aus Zement und Zeitungspapier besteht und an ein kopfstehendes Y erinnert, ist an einem Fleischerhaken aufgehängt. Einige Gewindestangen sind von Bettina Diel befestigt worden. Sie durchbohren den Körper und dringen durch die Folie, die das Ganze umhüllt. Muttern an der Oberfläche halten den Körper zusätzlich zusammen. Es wird deutlich, dass das Kunstobjekt verletzbar und zugleich geschützt ist. Attribute, die eigentlich vorwiegend auf den Menschen zutreffen und weniger auf ein geschaffenes Werk. Künstlichkeit versus Menschlichkeit. Bettina Diel hinterfragt immer wieder vorgegebene Wertesysteme und schafft neue Denkräume. Die Szenerie weckt ebenso Assoziationen an totes Fleisch, zumal der Titel Limbtalk explizit Bezug auf Glied(massen) zu nehmen scheint. Es erinnert auch an die Stillleben aus dem 17. Jahrhundert, insbesondere an das Meisterwerk von Rembrandt van Rijn Der geschlachtete Ochse, das auf die Vergänglichkeit des Menschen aufmerksam macht. Thematisiert die Künstlerin tatsächlich das memento mori, die Sterblichkeit? Oder geht es nicht viel mehr um den Akt der Transformation? Die Folie weisst Farb- und Brennspuren auf, die erahnen lassen, dass die Installation als Zeuge für ein vergangenes Ereignis steht, das von Bettina Diel an der Vernissage aktiviert worden ist. Sie entfachte die Zündschnur an der Aussenseite der Folie. Durch dies Aktivierung löst sie eine Kettenreaktion aus: Die Zündschnur funkt und sucht als Reiz von Aussen den Weg ins Innere an deren Ende sind Rauchbomben mit Pigmenten verknotet. Stösst die Zündschnur auf deren Widerstand, explodieren sie und die frei schwebenden Farbpigmente verteilen sich auf den Oberflächen. Eine Raumforderung1 ist ausgelöst worden. Zurückbleibt ein verändertes Objekt, das sich verformt und ausgedehnt hat und in einen neuen Zustand überführt worden ist.
Ein QR-Code an der Telefonkabine ring ring ermöglicht den Zugang zur Videodokumentation der Aktivierung.
Bettina Diel (*1975) ist in Deutschland aufgewachsen. Schon mit 15 Jahren vertiefte sie sich in die Welt der Fotografie und experimentierte auch in der Dunkelkammer. Den Entwicklungsprozess vom latenten Bild zum sichtbaren Bild begeistert sie bis heute. Seit 2008 lebt und arbeitet Bettina Diel in der Schweiz. An der HKB in Bern machte sie in dieser Zeit den Bachelor und an der ZhdK in Zürich absolvierte sie den Master of Fine Arts. In ihrem künstlerischen Schaffen findet sie Bilder von äusseren Aggregatszuständen auf innere Befindlichkeiten, die Transformationen bewirken und die sie in Form von Objekten, Installationen und Aktionen in den Kunstkontext übersetzt.
1 Unter Raumforderung versteht man im medizinischen Sinne eine Veränderung die grösser wird und deshalb mehr Platz braucht, www.onkologie-partner.de/gesundheit/glossar.
Bilder: Christian Beutler Text: Sibylle Meier

